Am 09. April 2025 jährt sich zum 80. mal der Tag der Hinrichtung Dietrich Bonhoeffers.
Aktueller denn je sind seine klare Positionierung gegen die Ausgrenzung und für Menschlichkeit und Nächstenliebe. Kompromisslos für alle Menschen.
Auch in Bonhoeffers Gedanken gibt es eine Auseinandersetzung von Aussenwahrnehmung und seiner inneren Gefühlswelt. Wie in uns allen, herrscht eine tiefe Unsicherheit und Aufruhr in seiner Seele. Er kann uns Vorbild sein, diesem inneren Ungleichgewicht Ausdruck zu verleihen. Lieder oder Gedichte, selbst geschrieben oder gelesen, helfen uns dabei dem Tumult in uns näher zu kommen. Wenn wir uns unserer inneren Einstellungen bewusst werden, können wir diese vielleicht besser integrieren. Heilung kann dann geschehen, wenn sich in uns ein Raum öffnet, die eigene Zerbrochenheit anzuschauen.
Wer bin ich?
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und zu leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!
Gedicht aus: Widerstand und Ergebung – Dietrich Bonhoeffer
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