Ein Reisebericht

 

 

Tag 4

Endlich haben wir heute Nachittag wieder ein paar Sonnenstrahlen abbekommen. Seit gestern mittag hat es mehr oder weniger durchgeregnet. Somit war schon nach dem ersten Wandertag alles und alle komplett nass. Durchtränkte Regenjacken, triefende Schuhe und eingeweichte Schlafsäcke. Ein Dach über dem Kopf, ein wärmendes Feuer und langsam trocknen wir wieder.

Beim Wandern nehme ich mir immer wieder Zeit um den Kopf zu heben. Die Wälder, Berge und Seen sind so schön. Vor lauter prasselndem Regen und die Pfützen umsteuernd übersehe ich diese Schönheiten leider oft. Man muss uns schon von weitem hören, denn wir singen viele Lieder um die gute Laune bei dem schlechten Wetter nicht zu verlieren. Vermutlich sehen wir deswegen auch keine Tiere.

Nach vielen Stunden im nassen Dickicht sind die Sonnenstrahlen besser als jede Sauna und auf den warmen Felsen fasst das Herz wieder Mut für die letzten Kilometer des Tages. Das Lager wartet schon auf uns. Mit noch kalter Feuerstelle, aber einer weiteren wunderbaren Aussicht. Am späteren Abend ist noch Zeit für die ersten Angelversuche. Aber der lange, nasse Tag macht mich ungeduldig und bald verkrieche ich mich ins Zelt.

 

 

 

Tag 6

Gestern Abend wurden wir nach unserer längsten Wanderung mit tollem Wetter beschenkt. Ein kleiner See lag einladend umrahmt von Wäldern an unserem Weg. Hygiene für den Körper und die Seele. Zudem wurde ich beim letzten Tageslicht mit Anglerglück gesegnet. Den kleinen Hecht werden wir heute mittag zubereiten. Für den Transport habe ich ihn mit feuchtem Moos eingewickelt und mit einem Stock an den Rucksack gehängt. So bleibt er schön kühl und frisch.

Zum Glück ist die heutige Wanderung nur eine kurze. Nach der gestrigen hatte ich am Ende Schmerzen in meinem linken Knie. Die Verletzung  vom letzten Jahr scheint noch nicht ganz verheilt zu sein. Aber ich bin dankbar dafür, dass ich so weit gekommen bin ohne größere Probleme zu bekommen. Der schwere Rucksack fordert eben seinen Tribut ein.

Ich bekomme das Gefühl der Natur immer näher zu kommen, mit ihr verbundener zu sein. Ich weiß es nicht so recht zu erklären. Ich finde mehr Gleichgültigkeit gegenüber den rauen Elementen in mir. Es wächst eine Akzeptanz gegenüber diesem Ausgeliefert sein.

 

 

 

Tag 8

Gestern war ein wunderbarer Tag. Eigentlich sind alle Tage hier draußen wunderbar. Wir sind auf die Kanus umgestiegen und erobern die Welt jetzt über das Wasser. Das Reisen ist weniger mühselig und wir kommen schnell voran. Die Augen sind stets in die Ferne gerichtet. Am Horizont türmen sich die Wolken über zahlreichen kleinen Inseln und die Bäume spiegeln sich im Wasser. Die Kanus sind voll gepackt mit allerlei Annehmlichkeiten die das Leben bequem machen. Große Töpfe, Besteck, Nutella und vieles mehr.

Ich sehen mich aber schon wieder nach meinem Rucksack. An die Last auf meinem Rücken habe ich mich schon gewöhnt und ich will die Natur wieder spüren. Es scheint mir gerade die richtige Perspektive auf das Leben zu sein. In all den Bequemlichkeiten finde ich eine trügerische Sicherheit die mich glauben macht, ich hätte mein Leben unter Kontrolle und alles im Griff. Frierend und nass bis auf die Unterhose, ein schmerzendes Knie und der beißende Rauch in den Augen lassen mich lebendig fühlen. Denn ich weiß nicht ob ich meine Augen morgen wieder öffnen kann. Jeder Atemzug ist für mich ein Geschenk aus Gottes Händen. Beim Wandern ist mein Blick vor mir auf den Boden gerichtet. Mein Herz ist nah bei mir, ich bin mir selbst näher. Und ich bin auch IHM näher.

 

 

Tag 9

Die Träume der Nacht stecken mir noch in den Knochen. Aber die dunklen Schatten verblassen in der Morgensonne und das Zwitschern kleiner Vögel bringt die Leichtigkeit zurück. Mitten in der Nacht lag ich plötzlich in einer beängstigenden Stille wach und konnte nicht mehr schlafen. Tief in der wilden Natur, kilometerweit von der Zivilisation entfernt, war diese Stille lähmend. In der Nacht konnte ich erst nachdem ich meinen Freund geweckt und wir gemeinsam ein Gebet gesprochen hatten, unruhig wieder einschlafen. Im warmen Licht denke ich über den Unterschied von Stille und Ruhe nach. Jetzt erst komme ich an unserem Rastplatz zur Ruhe.